• Der Exot

      Wenn wir hier schon der Wiederauferstehung eines 1990er-Projekts frönen, dann habe ich auch noch etwas Nostalgisches beizusteuern. Eines unserer allerersten interaktiven Webprojekte: Der Exot.

      Der Exot war ein über ein Webinterface steuerbarer Kleinroboter mit Kamera. Nutzerinnen und Nutzer im Internet konnten das Gefährt in Echtzeit durch unsere Wohngemeinschaft in Wien-Meidling navigieren und sich dabei über einen Chat koordinieren, diskutieren, streiten, taktieren. Kurz gesagt: eine frühe, leicht chaotische Form kollektiver Telepräsenz.
      Was heute wie ein harmloser Vorläufer von Livestream-Drohnen oder Remote-Reality wirkt, war damals technisch wie sozial ein ziemlich abenteuerliches Experiment.

      Es existieren noch erstaunlich viele Logfiles und einige Presseberichte, unter anderem vom ORF. Diese interessierten sich vor allem für die technische Umsetzung und die entstehende Community-Dynamik, wobei „Community“ damals noch ein Wort war, das man mit einem gewissen Achselzucken benutzte.
      Das meiste Material liegt allerdings offline. Nähere Informationen gibt es, wie so oft bei Dingen aus dieser Zeit, nur auf Anfrage per E-Mail.

      Ein prägender Moment war die Präsentation in der Wiener Secession im Rahmen der Jungen Szene 1998.
      Das eigentlich Bemerkenswerte daran: Die Kuratorin lud uns ein, obwohl es in der Secession zu diesem Zeitpunkt nicht einmal einen Internetanschluss gab.
      Auf unsere vorsichtige Nachfrage, warum man dann ein netzbasiertes Robotik-Projekt einlädt, antwortete sie sinngemäß:
      „Ach. Den Roboter kann man steuern? Ich dachte, er sieht einfach gut aus.“

      Die Frage, was wir nun mit dem Server anfangen sollten, den wir auf einem Leiterwagerl in die Secession geschleppt hatten, beantwortete sich entsprechend schlicht: gar nichts.
      Wir programmierten das System notdürftig um, sodass der Computer vor Ort wenigstens als eine Art Fernbedienung für den Roboter dienen konnte. Funktional, aber ehrlich gesagt ziemlich lame.

      Trotzdem war es unsere erste Einladung in die Kunstwelt.
      Und verstanden hat man uns dort schon damals nicht wirklich.
      Ich habe manchmal das Gefühl, dass sich daran bis heute erstaunlich wenig geändert hat.

      Aus Kostengründen wurde das Projekt 1999 eingestellt.
      Übrig blieben ein paar Festplatten, einige Presseausschnitte, viel Kabelsalat und die leise Ahnung, dass diese seltsame Mischung aus Technik, sozialem Experiment und Missverständnis vielleicht doch wichtiger war, als es damals schien.

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