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Zu groß, um gerettet zu werden

Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Bankenrettung, Budgetloch, Arbeitslosigkeit - und wie geht's weiter?

Moderation: Gerald König

Re: Zu groß, um gerettet zu werden

Beitragvon Susanne Ofner » 14. Juli 2011, 16:21

Gerald König hat geschrieben:Und was wäre, wenn man Banken und Staaten nicht retten würde (die Bankenhilfe wird übrigens in .at wohl gänzlich und teilweise sogar hoch verzinst zurückgeführt werden - einzig die HypoAlpeAdria könnte noch weiter Geld kosten)?


Ja, ich kenne eh alle Argumente für die Bankenrettung.
In dem Fall gabs eh keinen Ausweg.
Was ich nicht sehe, sind längerfristige Konzepte, um künftig so was besser verhindern zu können.
Und des fäult mi an.

Vermutlich würde das massive Eingriffe ins System bedeuten, und da lässt man lieber die Finger davon.

Wenigstens möchte ich dann nicht nur Bankenrettung, sondern ich möchte eine Politik, in der ich soziales Gewissen, oder wie immer man das nennen mag, erkennen kann.
Wir leben diesbezüglich in einer sich vorlaufend verrohenden Welt, und das macht mich mehr als grantig. Bin ständig knapp vor der inneren Emigration, weil äußeres Aufschreien sichtlich ja auch nix hilft.
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Re: Zu groß, um gerettet zu werden

Beitragvon Susanne Ofner » 14. Juli 2011, 16:30

Gerald König hat geschrieben:Fürsorgestaat" mehr geben können.


Du liebst es offenbar, Reizwörter aus der rechten Reichshälfte zu verwenden.

Monarchie-Nationalsozialismus-Sozialismus (das tut vielleicht nicht so weh) über viele Jahre hinweg taten unserer Volksseele aber dauerhaft nichts Gutes.


Mah, ist es wirklich nötig, es zu erklären?
Das, was in Kreiskys Regierung war, ist *nicht* Sozialismus gewesen, sondern Sozialdemokratie/Keynesianismus.

Und es ändert nichts daran, wenn du andere Begriffe gebrauchst:
Es ist auch nicht tragbar, die Sozialdemokratie in irgendeiner Form, in welcher auch immer, mit dem Nationalsozialismus zu vergleichen.

Ich/wir haben der Kreisky-Zeit einen ganzen Haufen zu verdanken:
Angefangen von den viel beschimpften Gratis-Schulbüchern als Belgleitmaßnahme für die schon erwähnte Bildungsoffensive, die bitte extrem vielen Leuten Bildung ermöglicht hat, für die es vorher undenkbar gewesen wäre.
Dann: Beginn der eigenständigen Frauenpolitik auf Regierungsebene. Es war Kreisky, der Dohnal ermöglicht hat.
Dann: Ein Justizminister Broda, der es wagen durfte, in aller Öffentlichkeit die Utopie der gefängnislosen Gesellschaft zu artikulieren.
Weiters (und das sollte auch die ÖVP freuen): Pensionsversicherung für Bauern. Ende des jämmerlichen Daseins im Auszugstüberl, angewiesen auf die Gnade der nachfolgenden Generation.

Und so weiter.

Ja, Kreisky hat auch den Satz von "lieber mehr Schulden als mehr Arbeitslose" getan.
Und auch dieser Satz ist um vieles menschlicher als die kaltschnäuzige Einspargesinnung, die uns derzeit um die Ohren gehaut wird, samt Freude über dank Arbeitskräfteabbau steigende Aktienkurse.
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Re: Zu groß, um gerettet zu werden

Beitragvon Gerald König » 14. Juli 2011, 16:38

Susanne Ofner hat geschrieben:Wenigstens möchte ich dann nicht nur Bankenrettung, sondern ich möchte eine Politik, in der ich soziales Gewissen, oder wie immer man das nennen mag, erkennen kann.
Wir leben diesbezüglich in einer sich vorlaufend verrohenden Welt, und das macht mich mehr als grantig. Bin ständig knapp vor der inneren Emigration, weil äußeres Aufschreien sichtlich ja auch nix hilft.



Das kann ich Wort für Wort nachvollziehen und gegenzeichnen: Gerald;-)
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Re: Zu groß, um gerettet zu werden

Beitragvon Gerald König » 14. Juli 2011, 16:47

Susanne Ofner hat geschrieben:....
Ja, Kreisky hat auch den Satz von "lieber mehr Schulden als mehr Arbeitslose" getan.
Und auch dieser Satz ist um vieles menschlicher als die kaltschnäuzige Einspargesinnung, die uns derzeit um die Ohren gehaut wird, samt Freude über dank Arbeitskräfteabbau steigende Aktienkurse


Ich bin auch ein wenig Kreisky-Kind und bin mir im Laufe des Älterwerdens sehr wohl um die Verdienste dieses großen Staatsmannes bewußt geworden (die aktuell bei uns urlaubenden und gar nicht blöden Freunde aus Deutschland kennen als heimische Politiker übrigens nur Kreisky und die Verunsicherungshaberer Strache und Haider).

Wo viel Licht, da sollte man aber den Schatten nicht verdrängen - und dieser wirkt bei uns bis heute.
Der genannte Satz wird immer wieder gerne zitiert - die Schulden von damals waren vergleichsweise noch sehr gering. Aber das System hat Schule gemacht - und irgendwann endet "Schulden statt Arbeitslose" dann wie aktuell in Griechenland (oder noch schlimmer).

Daher schreib' ich immer so grausliche Sachen von Sparen, Fürsorgestaat, Sozialismus etc.;-)

lgg
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Re: Zu groß, um gerettet zu werden

Beitragvon Michael Suda » 15. Juli 2011, 10:46

Susanne Ofner hat geschrieben:[hier gekürzt] Mah, ist es wirklich nötig, es zu erklären?
Das, was in Kreiskys Regierung war, ist *nicht* Sozialismus gewesen, sondern Sozialdemokratie/Keynesianismus. [hier gekürzt]

In der Tat.
Ich/wir haben der Kreisky-Zeit einen ganzen Haufen zu verdanken:
Angefangen von den viel beschimpften Gratis-Schulbüchern als Belgleitmaßnahme für die schon erwähnte Bildungsoffensive, die bitte extrem vielen Leuten Bildung ermöglicht hat, für die es vorher undenkbar gewesen wäre.

Mah, sollte da jemand dazu herausfordern, am "Bruno I., der Große"-Denkmal zu kratzen?
Gratis-Schulbuch-Aktion? Kleiner aber guter Ansatz, Kreiskys Politik ökonomisch-kritisch zu hinterfragen.

Zunächst muss man sich fragen, was vorher war: Durften Schüler, deren Eltern sich Schulbücher nicht leisten konnten, keine (höhere) Schule besuchen? Keineswegs, sie mussten sich bloß oft mit gebrauchten, eventuell weniger aktuellen (Leih-) Büchern aus der Schulbibliothek/Schülerlade zufrieden geben.

In erster Linie war und ist die Gratis-Schulbuchaktion also eine versteckte massive Subvention für die einschlägigen Verlage, die nach meiner freien Daumenpeilung Umsatz und Auflagen mindestens verdoppeln konnten. Und da die meisten Schulbuchautoren selbst Lehrer/innen sind, brachte sie strategisch der SPÖ damit Sympathie und Stimmengewinne im vorher massiv "schwarzen" Segment der Lehrer/innen/schaft an höheren Schulen.

Ein zweifellos positiver bildungspolitischer Effekt der Sache war, dass mehr, bessere und aktueller Schulbücher produziert wurden.

Aber die Gratis-Schulbücher haben keinem Kind aus der Unterschicht den Besuch einer höheren Schule ermöglicht. Dazu hat der Entfall von Aufnahmsprüfungen an den Gymnasien sicher mehr beigetragen.

Aber geredet wird immer über die Gratis-Schulbücher. Weil man sie angreifen kann, weil ihr Preis wie ihr Wert für jeden nachvollziehbar ist. Obwohl die Öffnung der Gymnasien mittelfristig mehr gekostet (aber auch mehr gebracht) hat.

Dann: Beginn der eigenständigen Frauenpolitik auf Regierungsebene. Es war Kreisky, der Dohnal ermöglicht hat.

Die heilige Johanna der SP-Parteitage! Kanonisiert und unantastbar, sie ruhe in Frieden!

Über Johanna Dohnal zu ätzen, reizt es mich (leider) immer wieder. Was ihre Verklärer/innen übersehen, ist, dass sie im Zweifel ausnahmslos die Partei- vor die Genderraison gestellt hat. Sie ist nie im Ministerrat aufgestanden und hat "Veto!" gesagt. Sie hat auch, entgegen dem ständigen Geraune ihrer Fans, wohl nie damit gedroht, zum Ausgleich hatte man(n), das heißt hatten Bruno Kreisky und seine ausnahmslos männlichen Nachfolger, ihr das allgemein anerkannte Privileg eingeräumt, vorher und nachher für die Medien hörbar a bisserl (links & feministisch) raunzen zu dürfen.

Das Ministerratsveto ist nämlich vor allem eines: die Waffe politischer Selbstmord-Attentäter/innen. Und Leute mit so einem psychologischen Profil kommen im Filtersystem der SPÖ-Politkarriere nicht einmal in die Nähe eines Sitzes auf der Regierungsbank.

Was ich für relativ am schlimmsten halte, ist, wie und warum Johanna Dohnal ihre Homosexualität, also ihre langjährige lesbische Beziehung, vertuscht hat. Sie hätte eine Pionierin der queeren Politik werden können, bei der Stellung, die sie etwa Ende der 1980er bereits erreicht hatte. Statt dessen blieb sie bloß eine, "bei der es eh alle gewusst haben" (damals hielten die Medien bei so was noch stets eisern dicht). Fragwürdig war und ist ihr Motiv. Sie hat das aus meiner Sicht nämlich nicht getan, um ihre Ruhe zu haben und ihr Privatleben (bzw. das ihrer Partnerin) zu schützen. Feig war sie charakterlich nämlich wohl nicht. Nein, das war parteipolitisches Kalkül. Johanna Dohnal blieb Schrankschwester bis kurz vor dem Tode, weil sie gewusst hat (bzw. man es ihr so erklärt hatte), dass eine bekennende Lesbe in der Regierung für "unnötigen" Wirbel sorgen und der SPÖ Stimmen kosten könnte. Ja, die Parteiraison, die durchgängige Linie im Leben der Johanna Dohnal!

Die erste Frau als Innenministerin kam nämlich aus der ÖVP, ebenso kommt die erste Finanzministerin (damit die Inhaberin des mit Abstand mächtigsten innenpolitischen Amtes) aus dem konservativen Lager, und die erste Vizekanzlerin war eine Freiheitliche.

Man kann also sagen, auch in Sache Personalpolitik und Networking hat Johanna Dohnal keine dicke rot-feministische Linie hinterlassen. Oder böser: sie war nur die Mrs Waldorf und Miss Statler in der Loge der sozialdemokratischen Muppet-Show.

Dafür hat sie uns eine ökonomisch so fragwürdige Sache wie das metertief einbetonierte unterschiedliche Pensionsantrittsalter für Männer und Frauen beschert. Das eigentlich nur mit dem unfeministischen Satz: "Frauen gebären und ziehen Kinder auf und schuften im Haushalt, während Männer das große Geld machen" (= Anerkennung einer naturgegeben-männerzentrierten Ordnung) begründet werden kann.

[hier gekürzt] Ja, Kreisky hat auch den Satz von "lieber mehr Schulden als mehr Arbeitslose" getan.
Und auch dieser Satz ist um vieles menschlicher als die kaltschnäuzige Einspargesinnung, die uns derzeit um die Ohren gehaut wird, samt Freude über dank Arbeitskräfteabbau steigende Aktienkurse.

Der zitierte, keynesianisch geprägte Satz macht allerdings nur Sinn, wo es um staatliche Investitionen zur Konjunkturbelebung geht. Als Begründung für permanent hohe Ausgaben zur Finanzierung von Transferleistungen taugt er wenig bis nichts. Das heißt aber nicht, dass solche Transfers prinzipiell falsch oder immer ökonomisch schädlich sind (wie ein liberaler Markt-Fundamentalist vielleicht sagen würde).
Ich kann es nicht sagen, ich sage es nie,
bleibt auch mein Himmel versperrt.
(aus Lehárs Operette "Das Land des Lächelns")
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Re: Zu groß, um gerettet zu werden

Beitragvon Susanne Ofner » 15. Juli 2011, 12:23

Dass die Abschaffung der Gymnasiums-Aufnahmsprüfungen plus massiver Neubau an AHS im ganzen Land bildungspolitisch natürlich viel wichtiger war als das Gratisschulbuch, ist unbestritten.

Ad Dohnal: Dass sie aus heutiger Sicht zu oft die Parteiräson über alles stellte - ja, sehe ich auch so. Ja, sie hat nicht alles richtig gemacht, aber dennoch spielte sie eine absolut wichtige Rolle für die Frauenpolitik.
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