Weniger Arbeitszeit statt Sonntagsöffnung
Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Bankenrettung, Budgetloch, Arbeitslosigkeit - und wie geht's weiter?
Moderation: Gerald König
Weniger Arbeitszeit statt Sonntagsöffnung
von Stefan Mackovik » 20. Juni 2011, 12:02
Hab zwar die Diskussion mit Herrn Lugner gestern Abend im ORF (leider?) nicht gesehen, aber offenbar schreien wieder mal einige profitgierige Kaufleute mal wieder laut auf, weil sie die Sonntagsöffnung Ihrer Shoppingwüsten durchsetzen wollen.
Ich halte das für einen verkehrten Ansatz. Man sollte sich die Frage stellen, warum es (angeblich sind es wenige) Leute gibt, die gerne eine Sonntagsöffnung hätten. Mir fallen da nur zwei mögliche Gründe ein:
1. sie sind nicht fähig, sich ihre Zeit sinnvoll einzuteilen
2. sie arbeiten so viel, dass es sich echt nicht ausgeht.
Daher wäre der richtige Ansatz eine Arbeitszeitverkürzung - zB auf 35 Stunden pro Woche (bei gleichem Lohn), sowieso strengere gesetzliche Regelungen, was Überstunden betrifft. Denn bei jemandem, der 60 Stunden oder mehr pro Woche arbeitet, da kann ja was nicht stimmen.
Abgesehen davon wird das Gros der Bevölkerung ja nicht mehr Kaufkraft haben, nur weil die Geschäfte auch am Sonntag offen halten dürfen. Gibts übrigens eine Studie, wie sich die längeren Öffnungszeiten (zB Donnerstag Abend) ausgewirkt haben?
Abschliessende Frage: wer würde die Sekundärkosten der Sonntagsöffnung - wie zB Sonntagsöffnung der Kindergärten etc - bezahlen?
Stefan
Ich halte das für einen verkehrten Ansatz. Man sollte sich die Frage stellen, warum es (angeblich sind es wenige) Leute gibt, die gerne eine Sonntagsöffnung hätten. Mir fallen da nur zwei mögliche Gründe ein:
1. sie sind nicht fähig, sich ihre Zeit sinnvoll einzuteilen
2. sie arbeiten so viel, dass es sich echt nicht ausgeht.
Daher wäre der richtige Ansatz eine Arbeitszeitverkürzung - zB auf 35 Stunden pro Woche (bei gleichem Lohn), sowieso strengere gesetzliche Regelungen, was Überstunden betrifft. Denn bei jemandem, der 60 Stunden oder mehr pro Woche arbeitet, da kann ja was nicht stimmen.
Abgesehen davon wird das Gros der Bevölkerung ja nicht mehr Kaufkraft haben, nur weil die Geschäfte auch am Sonntag offen halten dürfen. Gibts übrigens eine Studie, wie sich die längeren Öffnungszeiten (zB Donnerstag Abend) ausgewirkt haben?
Abschliessende Frage: wer würde die Sekundärkosten der Sonntagsöffnung - wie zB Sonntagsöffnung der Kindergärten etc - bezahlen?
Stefan
Alfons Haider hat recht.
Re: Weniger Arbeitszeit statt Sonntagsöffnung
von Georg Kraml » 20. Juni 2011, 12:18
Stefan Mackovik hat geschrieben:Abgesehen davon wird das Gros der Bevölkerung ja nicht mehr Kaufkraft haben, nur weil die Geschäfte auch am Sonntag offen halten dürfen. Gibts übrigens eine Studie, wie sich die längeren Öffnungszeiten (zB Donnerstag Abend) ausgewirkt haben?
Müsste die Bevölkerung nicht real sogar eher weniger Kaufkraft haben? Zwanzig Prozent länger offen heißt ja nicht, dass zwanzig Prozent mehr gefressen wird, den gestiegenen Personalkosten dürfte also keine entsprechende Umsatzsteigerung gegenüber stehen. Sollten da nicht eigentlich die Preise steigen?
Re: Weniger Arbeitszeit statt Sonntagsöffnung
von Susanne Ofner » 20. Juni 2011, 12:21
Georg Kraml hat geschrieben:Müsste die Bevölkerung nicht real sogar eher weniger Kaufkraft haben? Zwanzig Prozent länger offen heißt ja nicht, dass zwanzig Prozent mehr gefressen wird, den gestiegenen Personalkosten dürfte also keine entsprechende Umsatzsteigerung gegenüber stehen. Sollten da nicht eigentlich die Preise steigen?
Logisches Argument, ja.
Das alles gabs auch schon damals, als die Öffnung am Samstagnachmittag erlaubt wurde.
Ohne es mit Zahlen belegen zu können: mir kommt vor, dass sich die Einkäufe seither höchstens verschoben haben, also ev. weniger Umsatz während der Woche, mehr Umsatz dafür an Samstagen, und dass parallel dazu am Personal (weiter) gespart wurde.
Außerm Lugner ist eh nicht wirklich wer für Sonntagsöffnung - ein Indiz IMO, dass auch die Unternehmen es nicht für rentabel halten.
Su
Re: Weniger Arbeitszeit statt Sonntagsöffnung
von Brigitte Grohmann » 20. Juni 2011, 12:49
Ad Kaufkraft: wenn ein Geschäft nicht aufsperren will, ebay und amazon sind immer offen. Warum fahren die jenseitige Umsatzzuwächse ein? Weil niemand nach 19h einkaufen will?
Ad "wer sich seine Zeit nicht einteilen kann": ich lass mir ungern vorschreiben, wie ich meine Zeit "sinnvoll" zu verbringen habe. Montag allgemeines Salat kaufen, Dienstag kollektiver Friseur, Donnerstag alle zum Bäcker, Sonntag Familienessen (und wenn der Strom ausfällt, sitzen wir bei Kerzenschein, denn der Elektriker will ja auch sein Familienessen). Und wenn ich dazu keine Lust habe, bin ich angeblich unorganisiert, das halte ich für hochmütig.
Ad Kinderbetreuung: man könnte mal die Elektriker/Installateure/Strassenbahnfahrer/Taxler/Museumswärter/Flugbegleiter/Bademeister/Zoowärter/Kellner/Köche/Ärzte/Krankenpfleger/Polizisten... fragen, wer deren Kinder am Sonntag betreut.
Fazit: Ob es rentabel ist oder nicht, sollte ein Unternehmer selber entscheiden dürfen. Die Gewerkschaft sollte die bestehenden Regelungen viel schärfer kontrollieren, vielleicht auch Lobbying betreiben, dass Strafen nicht aus der Portokasse bezahlt werden. Arbeitnehmer, die aufmucken, besser beschützen, damit nicht jeder aus Angst die Klappe hält. Da gäbe es jede Menge zu tun
brigitte
Ad "wer sich seine Zeit nicht einteilen kann": ich lass mir ungern vorschreiben, wie ich meine Zeit "sinnvoll" zu verbringen habe. Montag allgemeines Salat kaufen, Dienstag kollektiver Friseur, Donnerstag alle zum Bäcker, Sonntag Familienessen (und wenn der Strom ausfällt, sitzen wir bei Kerzenschein, denn der Elektriker will ja auch sein Familienessen). Und wenn ich dazu keine Lust habe, bin ich angeblich unorganisiert, das halte ich für hochmütig.
Ad Kinderbetreuung: man könnte mal die Elektriker/Installateure/Strassenbahnfahrer/Taxler/Museumswärter/Flugbegleiter/Bademeister/Zoowärter/Kellner/Köche/Ärzte/Krankenpfleger/Polizisten... fragen, wer deren Kinder am Sonntag betreut.
Fazit: Ob es rentabel ist oder nicht, sollte ein Unternehmer selber entscheiden dürfen. Die Gewerkschaft sollte die bestehenden Regelungen viel schärfer kontrollieren, vielleicht auch Lobbying betreiben, dass Strafen nicht aus der Portokasse bezahlt werden. Arbeitnehmer, die aufmucken, besser beschützen, damit nicht jeder aus Angst die Klappe hält. Da gäbe es jede Menge zu tun
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If some cunt can fuck something up, that cunt will pick the worst possible time to
fucking fuck it up because that cunt's a cunt.
- Tucker's Law
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Re: Weniger Arbeitszeit statt Sonntagsöffnung
von Gerald König » 20. Juni 2011, 13:22
Die Alternative: Wir bauen die Tankstellen noch ein wenig mehr aus - bis Sie zum Einkaufscenter werden;-)
Der Herr Lugner tut ob seiner Person der Sache wahrlich nicht gut - ich tendiere da eher zu Brigittes Sicht der Dinge.
Wobei von mir aus der Sonntag ruhig "heilig" bleiben darf - es kann mir niemand erzählen, dass er von Mo-Sa nicht zum Einkaufen kommt (ansonsten sollte er/sie den Job rasch wechseln).
Zwecks Stärkung der unter Druck geratenen Kleinstunternehmen und könnte ich mir aber vorstellen, dass Familienbetriebe (nur mit Familienangehörigen im Geschäft) aufsperren dürfen, wann sie wollen.
lgg
Der Herr Lugner tut ob seiner Person der Sache wahrlich nicht gut - ich tendiere da eher zu Brigittes Sicht der Dinge.
Wobei von mir aus der Sonntag ruhig "heilig" bleiben darf - es kann mir niemand erzählen, dass er von Mo-Sa nicht zum Einkaufen kommt (ansonsten sollte er/sie den Job rasch wechseln).
Zwecks Stärkung der unter Druck geratenen Kleinstunternehmen und könnte ich mir aber vorstellen, dass Familienbetriebe (nur mit Familienangehörigen im Geschäft) aufsperren dürfen, wann sie wollen.
lgg
Re: Weniger Arbeitszeit statt Sonntagsöffnung
von Brigitte Grohmann » 20. Juni 2011, 14:05
Ach Gerald, etiam tu, unser liberales Aushängeschild, willst mir vorschreiben, wann ich was zu erledigen habe...
BTW Ausnahmen für Familienbetriebe sind mit hoher Wahrscheinlichkeit verfassungswidrig (und das ist gut so). Im übrigen rechnen sich längere oder Sonntagsöffnungszeiten für große Betriebe sowieso viel weniger als für kleine. letztere bräuchten nur zu checken, dass das ihre Nische ist, in der sie eventuell sogar locker überleben könnten.
brigitte
BTW Ausnahmen für Familienbetriebe sind mit hoher Wahrscheinlichkeit verfassungswidrig (und das ist gut so). Im übrigen rechnen sich längere oder Sonntagsöffnungszeiten für große Betriebe sowieso viel weniger als für kleine. letztere bräuchten nur zu checken, dass das ihre Nische ist, in der sie eventuell sogar locker überleben könnten.
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Re: Weniger Arbeitszeit statt Sonntagsöffnung
von Georg Kraml » 20. Juni 2011, 14:27
Brigitte Grohmann hat geschrieben:Ad Kaufkraft: wenn ein Geschäft nicht aufsperren will, ebay und amazon sind immer offen. Warum fahren die jenseitige Umsatzzuwächse ein? Weil niemand nach 19h einkaufen will?
Machen ebay und amazon ihre Umsatzzuwächse mit Brot und Milch? Mit Impulskäufen von Teenies auf shopping spree? Nein, oder? Nicht alle Arten von Einzelhandel lassen sich reibungsfrei ins Internet übertragen. Nahrungsmittel und Klamotten kauft man nicht so wie Bücher und Unterhaltungselektronik.
Ad "wer sich seine Zeit nicht einteilen kann": ich lass mir ungern vorschreiben, wie ich meine Zeit "sinnvoll" zu verbringen habe.
Mir persönlich geht's genau so. Ich schau am Heimweg aus der Hacke oder von der Hundewiese schnell im Supermarkt vorbei und kauf für den nächsten Tag ein. Spart Zeit und ich kann das Essen heimtragen, ohne irgendwelche Motoren bemühen zu müssen. Vorausplanen und für ein ganzes Wochenende einkaufen müssen wäre doch irgendwie zacher. Außerdem verlaufen meine Sonntage sowieso nicht viel anders als z. B. meine Montage oder meine Mittwöcher, da weiß ich es zu schätzen, dass mir nicht von anderen ein anderer Rhythmus aufgenötigt wird.
Aber. Ich bin trotzdem der Meinung, dass man sich über die möglichen sozialen Folgen Gedanken machen sollte. Mir ist es wurscht, wenn der Reis und die Nudeln wieder ein paar Cent anziehen; eine Alleinerzieherin mit Billigjob sieht das vielleicht anders.
Re: Weniger Arbeitszeit statt Sonntagsöffnung
von Brigitte Grohmann » 20. Juni 2011, 14:50
Georg Kraml hat geschrieben:Machen ebay und amazon ihre Umsatzzuwächse mit Brot und Milch? Mit Impulskäufen von Teenies auf shopping spree? Nein, oder? Nicht alle Arten von Einzelhandel lassen sich reibungsfrei ins Internet übertragen. Nahrungsmittel und Klamotten kauft man nicht so wie Bücher und Unterhaltungselektronik.
Ersetze "ebay und amazon" durch "jeder beliebige Online-Händler, wurscht, was er verkauft". Das Geld, das ich dort ausgebe, kann ich woanders nicht ausgeben. Wenn die Teenies in der Milleniumcity "wegen Reichtum geschlossen" vorfinden, gehen sie halt nachhause und kaufen sich ein paar Lady Gagas bei itunes oder was Teenies heut sonst so machen. Ja, die meisten Konsumenten haben ein limitiertes Budget, aber wo wir unser Geld ausgeben, ist sehr wohl durch das Angebot bis zu einem Punkt steuerbar.
Wer BTW nicht an Konsumenten, sondern B2B verkauft, der sieht auch die Sache mit den Öffnungszeiten anders, denn während Konsumenten sich vorschreiben lassen, wann sie einzukaufen haben, richten sich Großhändler nach ihren Kundenwünschen. Klar, dass sich das eher rechnet; aber da empört sich keiner, dass zB die armen Metro-Angestellten bis 22h arbeiten müssen.
brigitte
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Re: Weniger Arbeitszeit statt Sonntagsöffnung
von Andreas Beer » 20. Juni 2011, 14:55
Vielleicht sehe ich das falsch, aber ich denke, dass jemand, der - ungezwungenermaßen - am Sonntag einkaufen geht die Ware sofort haben möchte. Also doch ein Unterschied zum Onlineshoppen wo klarerweise die Versandfrist jedenfalls abgewartet werden muss (soferne es sich nicht um Downloadartikel handelt)
--
Die einzige Buchhandlung mit Tiefstpreisgarantie! http://www.meinebuchhandlung.at
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Re: Weniger Arbeitszeit statt Sonntagsöffnung
von Kurt Radowisch » 20. Juni 2011, 15:38
Ein Beispiel aus meiner Arbeitspraxis:
Eine junge Kollegin von mir (ca. 1983, damals 21, gelernte Chemielaborantin, ledig, alleinstehend) wurde vom Chef wegen "Not am Mann" (Urlaub, Krankenstand) zum Nachtdienst im Kraftwerk wegen der labormäßigen Überwachung von Heizöl und Speisewasser eingeteilt.
Das Mädel hat sich über die Überstunden gefreut (ein paar zusätzlich verdiente Schillinge!), aber der Chef kriegte einen Rüffel, weil er eine Frau zur Nachtschicht eingeteilt hat. (!)
Noch einmal: Die Frau machte das GERN, sie freute sich über das Geld, und sie hatte damals "weder Kind noch Katze", also freier "Herr" ihrer Zeit.
a) ich habe volles Verständnis, wenn Familienmütter nicht gerne Überstunden schieben.
b1) die, die es gerne machen, sollen es auch machen dürfen.
b2) warum können immer nur die männlichen Kollegen die lukrativen Überstunden lukrieren?
Mittlerweile haben sich auch bei uns die Richtlinien geändert -
- Frauen werden ebenso zum Nachtdienst eingeteilt wie Männer (haben aber den Vorteil, daß sie sich leichter "schraufen" können, wenn sie wirklich nicht wollen.
- Frauen laufen ebenso mit Schutzhelm durch die Werkhalle und sind nicht mehr auf Küche und Kanzlei beschränkt.
Nachteil für die Männer:
Frauen im Blaumann und Schutzhelm sehen einfach besxxxxsen aus!
Da sagen sogar die Frauen: "In dem Outfit kann ich ja keinen anflirten!"
LG Kurt
Eine junge Kollegin von mir (ca. 1983, damals 21, gelernte Chemielaborantin, ledig, alleinstehend) wurde vom Chef wegen "Not am Mann" (Urlaub, Krankenstand) zum Nachtdienst im Kraftwerk wegen der labormäßigen Überwachung von Heizöl und Speisewasser eingeteilt.
Das Mädel hat sich über die Überstunden gefreut (ein paar zusätzlich verdiente Schillinge!), aber der Chef kriegte einen Rüffel, weil er eine Frau zur Nachtschicht eingeteilt hat. (!)
Noch einmal: Die Frau machte das GERN, sie freute sich über das Geld, und sie hatte damals "weder Kind noch Katze", also freier "Herr" ihrer Zeit.
a) ich habe volles Verständnis, wenn Familienmütter nicht gerne Überstunden schieben.
b1) die, die es gerne machen, sollen es auch machen dürfen.
b2) warum können immer nur die männlichen Kollegen die lukrativen Überstunden lukrieren?
Mittlerweile haben sich auch bei uns die Richtlinien geändert -
- Frauen werden ebenso zum Nachtdienst eingeteilt wie Männer (haben aber den Vorteil, daß sie sich leichter "schraufen" können, wenn sie wirklich nicht wollen.
- Frauen laufen ebenso mit Schutzhelm durch die Werkhalle und sind nicht mehr auf Küche und Kanzlei beschränkt.
Nachteil für die Männer:
Frauen im Blaumann und Schutzhelm sehen einfach besxxxxsen aus!
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