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Braucht die Wirtschaft eine "Reset-Taste"?

Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Bankenrettung, Budgetloch, Arbeitslosigkeit - und wie geht's weiter?

Moderation: Gerald König

Braucht die Wirtschaft eine "Reset-Taste"?

Beitragvon Michael Suda » 13. August 2011, 12:53

Kommentar von Josef Urschitz, "Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2011

Ich fürchte, die drei aufgezählten Alternativen zum Umgang mit den Staatsschulden in (fast) allen industrialisierten Ländern der Welt werden uns nicht erspart bleiben:

  1. Schuldenstreichung (d.h. offene Enteignung aller bzw. der großen Gläubiger);
  2. Währungsreform (d.h. offene Enteignung aller, die nicht in Sachwerte geflüchtet sind);
  3. Inflationsschub (d.h. dasselbe wie 2., nur versteckt).

Aus meiner Sicht ist das Problem der Weltwirtschaft zur Zeit, dass die Keynesche Politik des "Deficit Spending" unter den gegebenen Bedingungen nicht (mehr) funktioniert. Da nämlich die Notenbanken täglich Papiergeld in nominaler Milliardenhöhe schaffen (um Banken billig mit Geld zu versorgen [FED] bzw. Regierungen durch Aufkauf maroder Staatsanleihen liquide zu halten [EZB]), verlieren die, die "Geld" (iSv "investierbarem Kapital") haben, schön langsam das Vertrauen in die Währungsstabilität und flüchten in Sachanlagen, die sich tw. durch ausgesprochene Infertilität (Gold, andere Edelmetalle) auszeichnen, statt volkswirtschaftlich stimulierend zu investieren. Das heißt, sie stecken ihr Geld in Dinge, die teilweise keinen anderen Nutzen haben, als der/dem Käufer/in das trügerische Gefühl von Stabilität und Sicherheit zu vermitteln. Daher u.a. der völlig irrwitzige Goldmarkt, der, so oder so, m.E. noch zu einem bösen Absturz führen wird (denn wenn Wirtschaft und Währung schwer crashen, will auch keiner mehr Gold, die Blase muss also platzen).

Und mit jeder Runde Staatsinvestitionen (= höhere Schulden) verschärft sich die Lage (ganz abgesehen davon, dass allein der Zinsendienst für die Staatsschuld vielen Regierungen keinen Bewegungsspielraum mehr lässt). Wir stecken bekanntlich in einer klassischen "Doppelmühle"!

Auch wenn das vielleicht nicht jeder/jedem gefällt: an einer Lösung der Schuldenkrise führt kein Weg vorbei. Sonst folgt als nächster Schritt die (offene) Währungskrise, also eine bedeutende Beschleunigung der Inflation.

Brauchen wir also einen "Reset"? Die Antwort ist "ja".

Der theoretisch logischeste Weg dazu wäre imho eine möglichst weltweit koordinierte Enteignung übermäßiger privater Vermögenswerte (geordnete Umverteilung vom privaten in den öffentlichen Sektor). Man könnte es auch "Sonderopfer" oder "einmalige Sondervermögensabgabe" nennen. Mit diesen Werten würden die Staatsschulden abgebaut und würde neue "Manövriermasse" für Investitionen gewonnen werden. Zumindest in der Theorie sollte durch eine Vermeidung totaler Depression oder starker Inflation (die folgen könnten, wenn man ohne Begleitmaßnahmen auf die Budgetbremse tritt bzw. weitermacht wie bisher) auch den Vermögenden, die kurzfristig draufzahlen, geholfen sein.

Natürlich ist das Theorie, denn die politische Durchsetzung eines solchen Schrittes (er liegt von der Wirkung her am nächsten bei 1.) ist wohl illusorisch.
Ich kann es nicht sagen, ich sage es nie,
bleibt auch mein Himmel versperrt.
(aus Lehárs Operette "Das Land des Lächelns")
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Michael Suda
 

Re: Braucht die Wirtschaft eine "Reset-Taste"?

Beitragvon Georg Kraml » 13. August 2011, 20:22

Michael Suda hat geschrieben:verlieren die, die "Geld" (iSv "investierbarem Kapital") haben, schön langsam das Vertrauen in die Währungsstabilität und flüchten in Sachanlagen, die sich tw. durch ausgesprochene Infertilität (Gold, andere Edelmetalle) auszeichnen, statt volkswirtschaftlich stimulierend zu investieren.

Naja. Nicht alle Sachwerte sind so nutzlos wie Gold. Man kann auch in Bausubstanz, Maschinen, Firmenbeteiligungen, Grundstücke, Förderrechte, Patente und nicht zuletzt in Humanresourcen flüchten. Ich bekomme fast jede Woche vorgeführt, dass die Investition in zweitklassige YC-Klitschen und die allgemeine Keilerei um vielversprechende junge Biotechniker von Tag zu Tag hysterischer wird, obwohl der Rest der Wirtschaft seit fünf Jahren auf der Stelle tritt. Könnte gut sein, dass das erste Symptome sind.

Im Übrigen sind nicht einmal alle Edelmetalle so nutzlos wie Gold. Silber, Kupfer und die Platinmetalle sind industriell relevant; Liquidität in den entsprechenden Märkten ist von allgemeinem Nutzen.

Auch wenn das vielleicht nicht jeder/jedem gefällt: an einer Lösung der Schuldenkrise führt kein Weg vorbei. Sonst folgt als nächster Schritt die (offene) Währungskrise, also eine bedeutende Beschleunigung der Inflation.

Der überwiegende Großteil der offiziellen Staatsverschuldung ist sehr kurzfristig; die meisten Anleihen haben Laufzeiten von drei Jahren oder darunter. Dieses Zeug muss unausgesetzt neu finanziert werden; sich da rauszuinflationieren ist praktisch unmöglich.

Inflation ist andererseits aber der einzige (politisch realistische) Weg aus der inoffiziellen Staatsverschuldung, den fantastischen Pensionsversprechungen und sonstigen ungedeckten Schecks, die den derzeit akuten Krisen von Kalifornien bis Griechenland letztlich zugrunde liegen.

Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass wir früher oder später beides bekommen: formeller Default gegen die buchmäßig erfasste Überschuldung nach außen; Inflation gegen die buchmäßig unerfasste Überschuldung nach innen.
Georg Kraml
 


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