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Alttestamentarische Frage

Kirchturmverbot? Burka-Pflicht? Buddha-Statuen in Klassenzimmern? Religion ist wieder ein Thema!

Moderation: Michael Eisenriegler

Alttestamentarische Frage

Beitragvon Michael Eisenriegler » 6. Februar 2010, 13:14

Mich beschäftigt seit einiger Zeit eine Frage, die auch für die aktuelle Islamismus-Debatte mittelbar Relevanz besitzen könnte. Es ist ja nicht nur im Islam gewissermaßen ein weltliches Gesetzbuch integriert (was mit ein Grund ist, warum es keinen säkularen Islam gibt), sondern zum Teil auch im Judentum. Die Juden haben es aber offensichtlich geschafft, manche Vorschriften wörtlich zu nehmen, und manche schlicht zu ignorieren. Ein Beispiel aus der Tora (Buch Levitikus):

Lev. 24,16 Wer den Namen des Herrn schmäht, wird mit dem Tod bestraft; die ganze Gemeinde soll ihn steinigen. Der Fremde muss ebenso wie der Einheimische getötet werden, wenn er den Gottesnamen schmäht.

Auf der anderen Seite wird aber z.B. Lev. 11 (das sind die Vorschriften über reine und unreine Tiere) von den orthodoxen Juden buchstabengetreu befolgt.

Kann mir jemand eine schlüssige theologische bzw. rabbinische Begründung nennen, warum klare Verhaltensregeln (aus derselben Quelle, nur ein paar Kapitel voneinander entfernt) im einen Fall ignoriert und im anderen Fall - von denselben Leuten - genauestens befolgt werden?

Danke für Eure Hilfe,

Mikee
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Re: Alttestamentarische Frage

Beitragvon Harald Silvio Frassine » 6. Februar 2010, 13:29

kann keine rabbinische begründung liefern, aber das phänomen betrifft AFAIR alle gesetzbuch-relgionen: so sind etwa in den meisten islamischen ländern keineswegs vier ehefrauen erlaubt, und vor allem im europäischen islam wird von gläubigen und praktizierenden moslems wein getrunken.
dass fundamentalistische strömungen momentan auftrieb haben, hat IMO politische gründe.
Politik ist zu wichtig, um sie den PolitikerInnen zu überlassen. Skype Me™!
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Re: Alttestamentarische Frage

Beitragvon Michael Eisenriegler » 8. Februar 2010, 22:28

Harald Silvio Frassine hat geschrieben:kann keine rabbinische begründung liefern, aber das phänomen betrifft AFAIR alle gesetzbuch-relgionen: so sind etwa in den meisten islamischen ländern keineswegs vier ehefrauen erlaubt, und vor allem im europäischen islam wird von gläubigen und praktizierenden moslems wein getrunken.

Jo, aber das sind dann keine "guten Moslems" und das wissen sie auch. Währenddessen auch die allerorthodoxesten Juden schon länger niemanden mehr steinigen, und das sind aber "gute Juden" im Sinne der Vorschriften der Tora. Bitte verwechsle nicht Nachlässigkeit in der Glaubenspraxis mit - offensichtlich wohlfundierten - Änderungen in der Theorie (sonst hätten sie bei den observanten orthodoxen Juden keinen Bestand). Nur würde mich eben interessieren, worin genau diese theoretischen Überlegungen bestehen, weil diese Art von Argumentation dann unter Umständen auch auf die Sharia anwendbar gemacht werden könnte. Soweit zumindest meine Überlegung...

dass fundamentalistische strömungen momentan auftrieb haben, hat IMO politische gründe.

Das ist wieder eine andere Geschichte...

cu,

Mikee
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Re: Alttestamentarische Frage

Beitragvon Harald Havas » 8. Februar 2010, 23:58

Aus einem Buch, in dem ein Journalist versucht ein Jahr wörtlich nach der Bibel zu leben, weiß ich, dass orthodoxe Juden durchaus auch heute danach streben, jedes auch noch so absurde Gebot der Tora zu befolgen.
Es gibt z.B. eigene Menschen, die beruflich nix anders tun, als dir Löcher in die Panier zu schneiden, um zu sehen, ob da verbotenerweise zwei Stoffarten gemischt verwendet wurden!
Das andere ist die Frage der _Sanktion_! Nach der Zerstörung des Tempels waren die Juden nie wieder in der Position eine (staatliche) Exekutive ausüben zu können. Bis zur Gründung Israels, aber das ist - mit Abstrichen - ein sekulärer Staat.
Um bei deinem Beispiel zu bleiben, alle (orthodoxen) Juden werden sich hüten den Namen Gottes zu schmähen. Nur gibt's halt keine Instanz, die einen Zuwiderhandelnden steinigen könnte...
Vorstand, ja, Präsi, ja, Admin - leider nein. Alle Fragen zur BB bitte daher hier. Danke!
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Re: Alttestamentarische Frage

Beitragvon Michael Eisenriegler » 9. Februar 2010, 00:18

Harald Havas hat geschrieben:Aus einem Buch, in dem ein Journalist versucht ein Jahr wörtlich nach der Bibel zu leben, weiß ich, dass orthodoxe Juden durchaus auch heute danach streben, jedes auch noch so absurde Gebot der Tora zu befolgen.

Das ist genau, was ich meinte.

Das andere ist die Frage der _Sanktion_! Nach der Zerstörung des Tempels waren die Juden nie wieder in der Position eine (staatliche) Exekutive ausüben zu können. Bis zur Gründung Israels, aber das ist - mit Abstrichen - ein sekulärer Staat.

Aber immerhin ist es ein Staat, der auch von der überwiegenden Mehrheit der orthodoxen Juden als legitime Heimat der Juden angesehen wird. Konsequenterweise müssten die zumindest jede nur mögliche parlamentarische Initiative ergreifen, um die Steinigungen wieder ins Strafgesetz zu bekommen. Das tun sie aber anscheinend nicht. Und hier stellt sich die Frage: Warum eigentlich nicht?

Um bei deinem Beispiel zu bleiben, alle (orthodoxen) Juden werden sich hüten den Namen Gottes zu schmähen. Nur gibt's halt keine Instanz, die einen Zuwiderhandelnden steinigen könnte...

Jo, eh, siehe oben. Allerdings richtet sich der Steinigungsaufruf in obigem Beispiel (es gibt noch etliche andere) ja nicht an den Staat, sondern an die "Gemeinde", was ich entweder als Gemeinde einer Synagoge oder als Dorfgemeinschaft interpretieren würde. Es steht jedenfalls nicht drinnen, daß man zwingend einen Staat benötigen würde, um diese Vorschrift zu exekutieren. Aber das nur am Rande...

cu,

Mikee
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Re: Alttestamentarische Frage

Beitragvon Helmuth Korn » 9. Februar 2010, 18:09

Harald Havas hat geschrieben:Aus einem Buch, in dem ein Journalist versucht ein Jahr wörtlich nach der Bibel zu leben, weiß ich, dass orthodoxe Juden durchaus auch heute danach streben, jedes auch noch so absurde Gebot der Tora zu befolgen.
Es gibt z.B. eigene Menschen, die beruflich nix anders tun, als dir Löcher in die Panier zu schneiden, um zu sehen, ob da verbotenerweise zwei Stoffarten gemischt verwendet wurden!
Das andere ist die Frage der _Sanktion_! Nach der Zerstörung des Tempels waren die Juden nie wieder in der Position eine (staatliche) Exekutive ausüben zu können. Bis zur Gründung Israels, aber das ist - mit Abstrichen - ein sekulärer Staat.
Um bei deinem Beispiel zu bleiben, alle (orthodoxen) Juden werden sich hüten den Namen Gottes zu schmähen. Nur gibt's halt keine Instanz, die einen Zuwiderhandelnden steinigen könnte...


du meinst weil sie den staat nicht mehr hatten, versuchten sie die jüdische gemeinschaft und jüdisches leben durch strenge gesetze aufrechtzuerhalten?
Helmuth Korn
 

Re: Alttestamentarische Frage

Beitragvon Helmuth Korn » 9. Februar 2010, 18:14

vielleicht löst das das rätsel warum israel z.b. nicht steinigt:

Die Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel garantiert religiöse Freiheit und macht Religionsausübung und Glaubenszugehörigkeit zur Sache der persönlichen Entscheidung. Die Religionsgemeinschaften verwalten ihre eigenen heiligen Stätten selbst. Gesetzliche Regelungen garantieren den freien Zugang und schützen vor Entweihungen.

76,7 Prozent der Bevölkerung Israels gehören der jüdischen Religion an. Damit ist Israel der einzige Staat der Welt, in dem Juden die Mehrheit der Einwohner darstellen. Die 5,4 Millionen Juden lassen sich in fünf Gruppen einteilen:

* 6 Prozent bezeichnen sich als Ultraorthodoxe Juden, davon u.a die Charedim, die Litauer und die Orientalen,
* 9 bis 10 Prozent als orthodox,
* 13 Prozent als traditionell-religiös,
* 28 Prozent bezeichnen sich selbst als Traditionalisten (die sich nicht strikt an das jüdische religiöse Gesetz, die Halacha halten),
* 43 Prozent als säkular.

Die Säkularen erfüllen wenige oder keine religiösen Gesetze, die Ultra-Orthodoxen so viele wie möglich.
QUELLE WIKIPEDIA
Helmuth Korn
 

Re: Alttestamentarische Frage

Beitragvon Helmuth Korn » 9. Februar 2010, 18:18

im übrigen, wenn sie wüßten wie anziehend ich israelische soldatinnen finde würden sie steinigung wieder einführen.........
Helmuth Korn
 

Re: Alttestamentarische Frage

Beitragvon Michael Eisenriegler » 10. Februar 2010, 00:44

Helmuth Korn hat geschrieben:vielleicht löst das das rätsel warum israel z.b. nicht steinigt:

Die Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel garantiert religiöse Freiheit und macht Religionsausübung und Glaubenszugehörigkeit zur Sache der persönlichen Entscheidung. Die Religionsgemeinschaften verwalten ihre eigenen heiligen Stätten selbst. Gesetzliche Regelungen garantieren den freien Zugang und schützen vor Entweihungen.

76,7 Prozent der Bevölkerung Israels gehören der jüdischen Religion an. Damit ist Israel der einzige Staat der Welt, in dem Juden die Mehrheit der Einwohner darstellen. Die 5,4 Millionen Juden lassen sich in fünf Gruppen einteilen:

* 6 Prozent bezeichnen sich als Ultraorthodoxe Juden, davon u.a die Charedim, die Litauer und die Orientalen,
* 9 bis 10 Prozent als orthodox,
* 13 Prozent als traditionell-religiös,
* 28 Prozent bezeichnen sich selbst als Traditionalisten (die sich nicht strikt an das jüdische religiöse Gesetz, die Halacha halten),
* 43 Prozent als säkular.

Die Säkularen erfüllen wenige oder keine religiösen Gesetze, die Ultra-Orthodoxen so viele wie möglich.
QUELLE WIKIPEDIA

Das löst nur das Rätsel, warum der Status quo so ist wie er ist (ohne Steinigungen), beantwortet aber nicht die Frage, warum die Orthodoxen nicht danach trachten, diese (wieder) einzuführen (oder selbst zum Stein greifen).

cu,

Mikee
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Michael Eisenriegler
 

Re: Alttestamentarische Frage

Beitragvon Harald Havas » 10. Februar 2010, 00:59

Ohne auf alles einzugehen: die Kommentare zur Tora, im Laufe der Zeit von wichtigen Rabbinern verfaßt, spielen im jüdischen Glauben bzw. Regelsystem eine fast noch wichtigere Rolle als die Tora selbst. Das wern's einfach schon amal ausjudiziert haben.
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