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Strasser-Rücktritt

Europa als politische Union, Europa als geografischer Ort, Europa als Idee. Und warum darf eigentlich Israel zum Song Contest und Wales zur Fußball-EM? Und was hat das alles mit Ost-Anatolien zu tun?

Moderation: Brigitte Grohmann

Re: Strasser-Rücktritt

Beitragvon Michael Suda » 25. März 2011, 12:29

Brigitte Grohmann hat geschrieben:Sehr nett, was martin Putschögl im Standard dazu eingefallen ist: das "Krisen-AKW ("Abzocken, Korrumpieren, Wegschauen") Strasser I "
http://derstandard.at/1297821378014/Strassers-Not-Aus
Traurig, aber doch lustig :-)

Fragen wir uns doch einmal so: Wer von uns kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit behaupten, dass ihm "so etwas" nie passieren könnte?

Wer von uns hat denn real oder metaphorisch schon mal an einem Hundertausend-Euro-Bündel geschnuppert und sich ausgemalt, was man sich dafür alles kaufen könnte?

Sind wir da nicht alle ein wenig wie der Beziehungspartner, der seine Treue beschwört, und den es dann doch "erwischt", wenn die Traumfrau/der Traummann nicht mehr bloß Traum sondern reales Gegenüber ist?

Mich hat noch nie jemand zu bestechen oder sonst zu kaufen versucht. Ich sage daher: "Ich bin gesetzestreuer und moralischer als Ernst Strasser." Hoffentlich stimmt's dann im Ernstfall!
Ich kann es nicht sagen, ich sage es nie,
bleibt auch mein Himmel versperrt.
(aus Lehárs Operette "Das Land des Lächelns")
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Re: Strasser-Rücktritt

Beitragvon Susanne Ofner » 25. März 2011, 15:03

Michael Suda hat geschrieben:Fragen wir uns doch einmal so: Wer von uns kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit behaupten, dass ihm "so etwas" nie passieren könnte?


Ich denke auch, dass wir uns zugleich alle beständig an der Nase nehmen und unser eigenes Verhalten bzw. unsere eigenen Verführbarkeiten hinterfragen müssen.

Auch das bisserl Kopieren auf dem Firmenkopierer oder Anrufen von Mehrwertnummern von der Firma aus bedeutet letztlich, sich mit "unlauteren" Mitteln einen finanziellen Vorteil zu verschaffen.
Dassselbe gilt, wenn beim Angeben von Schäden bei Haushalts/Haftpflichtversicherung ein bissi geschummelt wird, wenn ein nicht stattgefundenens Geschäftsessen in die Steuererklärung reingenommen wird etc.

Nein, natürlich ist das nicht dasselbe wie das Einsackeln von vielstelligen Beträgen bei gleichzeitigem Missbrauch der Abgeordnetenmacht.

Aber: das Telefonieren auf Firmenkosten etc. kann durchaus eine kleine Vorübung sein, ein erster Lernschritt. Wenn man so nach und nach und immer schön kleinweise die Möglichkeit bekommt, ein bissl mehr an Vorteilen für sich zu nützen, dann kann man schon irgendwann in die Gegend kommen, wo es nicht mehr ein paar unlauter gewonnene Euro sind, sondern schon interessantere Summen oder Möglichkeiten.
Man kann sich bestimmt dran gewöhnen und findet gar nichts dabei - so wie ja "jeder" mal die Haushaltsversicherung bescheißt oder das Finanzamt oder die Firma. Tun ja "alle".
Und wenn man sich in Kreisen bewegt, in denen (scheinbar) "alle" zugreifen, wenn sich denn nur eine Möglichkeit bietet und man sich nachgerade blöd vorkäme, wie der letztklassige Spießer und Streber, wenn mans nicht tut, jetzt, wo man mal die Möglichkeit hat, selbst ebenfalls tiefer reinzulangen in den Topf ... tja ...

So wie ich mich frage, ob ich als die überbrave Spießerin dastehe, wenn ich Lappalien wie die Kopien aufm Firmenkopierer etc. überhaupt ins Spiel bringe - genauso kanns gehen, wenn sich wer in einer grasserigen oder strasserigen Umgebung bewegt, in denen es als extrem unsmart gälte, die eigene Position nicht optimal zu nützen, gewinnmaximierend quasi.
Derselbe Mechanismus, nur andere Dimensionen.
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Re: Strasser-Rücktritt

Beitragvon Brigitte Grohmann » 25. März 2011, 15:58

Firmen mit Hirn erlauben privattelefonieren, privatkopieren und privatinternetsurfen und nehmen damit das Kriminal gleich weg.
Zum Thema "antisoziales Verhalten am Arbeitsplatz" gibts BTW eine Menge Studien. Tendenz: wer sich unfair behandelt oder unterbezahlt fühlt, neigt eher dazu, Post-its mitgehenzulassen, quasi als "Ausgleichshandlung".


brigitte
If some cunt can fuck something up, that cunt will pick the worst possible time to
fucking fuck it up because that cunt's a cunt.
- Tucker's Law
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Re: Strasser-Rücktritt

Beitragvon Livia Rohrmoser » 25. März 2011, 16:49

Susanne Ofner hat geschrieben:Derselbe Mechanismus, nur andere Dimensionen.


Zwei Einwände. Erstens: Die Dimension macht sehr wohl einen Unterschied. Zurecht gibt es etwa in vielen Strafgesetzen eine "Geringfügigkeitsgrenze" bzw. hängt das mögliche Strafmaß vom Ausmaß des Schadens ab (Der Jurist hier weiß das allerdings wohl besser als ich).
Der zweite Einwand ist aber, dass für einen "normalen" Menschen imho sehr wohl auch andere moralische Maßstäbe gelten als für jemanden, der viele andere vertritt. Wenn ein Firmenvertreter in der eigenen Firma (privat) kopiert, wird das anders bewertet werden, als wenn er in einer dritten Firma, in der er als Vertreter seiner Firma ist, schwarz kopiert.
Und der Abgeordnete sitzt nicht für sich alleine in einer Firma, der sitzt für mich und viele andere im Parlament. Wenn er also in seiner politischen Funktion unredlich ist, beschmutzt er quasi alle mit, die er vertritt. Das wurde früher bei Priestern sehr deutlich. Heute scheint jeder zu denken, die Abgeordneten sind nur für sich oder bestenfalls noch für ihre Partei im Parlament (ob EU oder Nationales). Nein, bitte schön, das sind VOLKSvertreter. Die sitzen für uns da drinnen. Und was die dort tun, betrifft entsprechend auch alle, die sie vertreten. Da lege ich wie gesagt schon grundsätzlich andere moralische Maßstäbe an.

Mir war immer wurst, ob etwa irgendein Abgeordneter in seiner Freizeit wilde Parties feiert oder andere Laster hat. Aber hier wird ein ihm von den Bürgern eines Landes übertragenes Recht zur Vertretung dieser Bürger in einem bestimmten Gremium missbraucht. Das ist imho eine andere Kategorie und nicht "bloß" ein Mengenproblem.

Oder noch einmal anders gesagt, in der Hoffnung, es richtig rüber zu kriegen: Es ist für mich ein Unterschied ob oben genannter Vertreter nebstbei schwarz kopiert und damit die Firma schädigt, oder ob er in seiner Arbeitszeit für die Konkurrenzfirma arbeitet und darüber seinen eigentlichen Auftrag misachtet. Der Auftrag des Volkes an Strasser via österreichisches Parlament lautete klar: Vermehrter Anlegerschutz. Und er lässt sich für einen diametral entgegengesetzten Gesetzesvorschlag kaufen.

Livia
Männer sind Schweine. Aber jede will doch ab und zu mal Schwein haben.
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Re: Strasser-Rücktritt

Beitragvon Susanne Ofner » 25. März 2011, 17:12

Livia Rohrmoser hat geschrieben:Zwei Einwände. Erstens: Die Dimension macht sehr wohl einen Unterschied. Zurecht gibt es etwa in vielen Strafgesetzen eine "Geringfügigkeitsgrenze" bzw. hängt das mögliche Strafmaß vom Ausmaß des Schadens ab (Der Jurist hier weiß das allerdings wohl besser als ich).


Ich möchte das Thema "Dimension" nicht einfach vom Tisch wischen. Wie gesagt, sehe ich von der Wirkung her eh einen (großen) Unterschied.

Und - um auch auf Brigittes Posting einzugehen: vielleicht war das mit dem Kopiern in der Firma ein schlechtes Beispiel. Als Freiberuflerin bin ich diesbezüglich nicht so firm, was Erlaubtes vs. Verbotenes betrifft.

Nehmen wir halt den ganz normalen Versicherungsschwindel: man hat den DVD-Rekorder nicht selbst kaputt gemacht, sondern es war offiziell ein Freund, sodass dessen Haftpflichtversicherung den Schaden übernimmt.
Oder es werden beim Auto in einen "Versicherungsschaden" noch ein paar andere Kleinreparaturen mit reingenommen, die mit dem Versicherungsfall nichts zu tun haben.
(Und andere Beispiele, die euch sicher auch noch einfallen.)

Der zweite Einwand ist aber, dass für einen "normalen" Menschen imho sehr wohl auch andere moralische Maßstäbe gelten als für jemanden, der viele andere vertritt. Wenn ein Firmenvertreter in der eigenen Firma (privat) kopiert, wird das anders bewertet werden, als wenn er in einer dritten Firma, in der er als Vertreter seiner Firma ist, schwarz kopiert.
Und der Abgeordnete sitzt nicht für sich alleine in einer Firma, der sitzt für mich und viele andere im Parlament. Wenn er also in seiner politischen Funktion unredlich ist, beschmutzt er quasi alle mit, die er vertritt. Das wurde früher bei Priestern sehr deutlich. Heute scheint jeder zu denken, die Abgeordneten sind nur für sich oder bestenfalls noch für ihre Partei im Parlament (ob EU oder Nationales). Nein, bitte schön, das sind VOLKSvertreter. Die sitzen für uns da drinnen. Und was die dort tun, betrifft entsprechend auch alle, die sie vertreten. Da lege ich wie gesagt schon grundsätzlich andere moralische Maßstäbe an.


Ich verstehe es, dass du da andere moralische Maßstäbe anlegt, und ich tus eigentlich auch.
Aber - ich glaube, dass man Redlichkeit, anständiges Verhalten etc. einüben muss, und zwar *bevor* man in die Lage kommt, andere zu vertreten und Zugang zu relevanten Möglichkeiten, sich eigene Vorteile zu verschaffen, erhält.
Das Bewusstsein für Recht/Unrecht, oder besser gesagt, Fairness/Redlichkeit versus Schlitzohrigkeit etc. muss vorher erworben werden.
Und da gehört auch dazu, sich bewusst zu sein, dass die oben angeführten Versicherungsschwindeleien an sich nicht ok sind - und auch wenn man davon überzeugt ist, dass die Versicherungswirtschaft schlitzohrig ist und die Versicherten eh ausnimmt, wos nur geht: Es muss einem klar sein, dass der kleine Bschiss eine Form von Selbstjustiz ist bzw. eine Form, "es sich zu richten", und dass das ganz sicher nicht das optimale, gesellschaftlich verantwortliche etc. Verhalten ist.
Ja ich weiß, das klingt furchbar moralisch und streberhaft etc.

Ich will damit *nicht* ausdrücken, dass ich Leute, die bei der Versicherung ein wenig tricksen oder ein erfundenes Geschäftsessen/eine erfundene Dienstreise in die Steuererklärung reintun, verachte und mit der Moralkeule über sie komme.
Ich bin selbst keine unfehlbare Heilige.

Wichtig ist mir, dass jeder und jede ein Bewusstsein dafür hat/erwirbt/bewahrt, was ein superkorrektes Verhalten ist und wo das private "Es-sich-Richten" anfängt.

Weil so was wie Gewissen keine Gabe der Natur ist, sondern etwas Antrainiertes, Ansozialisiertes.
Und wenn mans beim kleinen Versicherungsbeschiss nicht versteht, dass es eigentlich nicht in Ordnung ist, gneisst mans vielleicht auch dann nicht, wenn die Möglichkeiten, es sich zu richten, besser werden. Wenns nicht mehr die Haushaltsversicherung ist, sondern ein bissl mehr, und dann findet man, dass das Leben als Abgeordneter stressig und mühsam ist (was ich sofort glaube) und dass es zum Ausgleich durchaus ok ist, sich mal auf eine kleine Kreuzfahrt mitnehmen zu lassen. Und so wirds halt mehr, und wenn was zizerlweise geht, merkt mans nicht so leicht, wo man auf einmal gelandet ist.

Mir war immer wurst, ob etwa irgendein Abgeordneter in seiner Freizeit wilde Parties feiert oder andere Laster hat. Aber hier wird ein ihm von den Bürgern eines Landes übertragenes Recht zur Vertretung dieser Bürger in einem bestimmten Gremium missbraucht. Das ist imho eine andere Kategorie und nicht "bloß" ein Mengenproblem.


Ich gestehe allen Menschen ein Privatleben zu, und es interessiert mich nicht, was PolitikerInnen in ihrer Freizeit tun (sofern sie nicht als Hobby z. B. das sexuelle Ausbeuten Minderjähriger oder Verprügeln gesellschaftlicher Minderheiten oder ähnliche Nettigkeiten pflegen).
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Re: Strasser-Rücktritt

Beitragvon Livia Rohrmoser » 25. März 2011, 18:01

Susanne Ofner hat geschrieben:(gekürzt)
Wichtig ist mir, dass jeder und jede ein Bewusstsein dafür hat/erwirbt/bewahrt, was ein superkorrektes Verhalten ist und wo das private "Es-sich-Richten" anfängt.
Weil so was wie Gewissen keine Gabe der Natur ist, sondern etwas Antrainiertes, Ansozialisiertes.

Da hast du freilich recht. Nur lässt sich die Übertretung der Grenze gesellschaftlich gesehen nicht verhindern. Dazu sind Menschen im Großen und Ganzen einfach zu intelligent. Das zeigt sich schon bei intelligenteren Tieren, dass die Lügen, Betrügen, Täuschen, um einen Vorteil zu ergattern, und nur die Sanktion durch die Gruppe bzw. die Angst davor sie dabei hemmen kann.
Die Idee, alle Menschen könnten so gemeinnützig denken, dass sie sich von sich aus nur gemeinnützig verhalten, halte ich für illusorisch.
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Re: Strasser-Rücktritt

Beitragvon Susanne Ofner » 26. März 2011, 09:32

Livia Rohrmoser hat geschrieben:Die Idee, alle Menschen könnten so gemeinnützig denken, dass sie sich von sich aus nur gemeinnützig verhalten, halte ich für illusorisch.


Halte ich ebenfalls für illusorisch.
Deswegen brauchen wir auch so Zeuchs wie Gesetze, Gewaltmononopol des Staats etc.
Und fortwährende (Selbst-)Erziehung.
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Re: Strasser-Rücktritt

Beitragvon Michael Suda » 26. März 2011, 11:51

Susanne Ofner hat geschrieben: [hier gekürzt] Ich verstehe es, dass du da andere moralische Maßstäbe anlegt, und ich tus eigentlich auch.
Aber - ich glaube, dass man Redlichkeit, anständiges Verhalten etc. einüben muss, und zwar *bevor* man in die Lage kommt, andere zu vertreten und Zugang zu relevanten Möglichkeiten, sich eigene Vorteile zu verschaffen, erhält.
Das Bewusstsein für Recht/Unrecht, oder besser gesagt, Fairness/Redlichkeit versus Schlitzohrigkeit etc. muss vorher erworben werden.
Und da gehört auch dazu, sich bewusst zu sein, dass die oben angeführten Versicherungsschwindeleien an sich nicht ok sind - und auch wenn man davon überzeugt ist, dass die Versicherungswirtschaft schlitzohrig ist und die Versicherten eh ausnimmt, wos nur geht: Es muss einem klar sein, dass der kleine Bschiss eine Form von Selbstjustiz ist bzw. eine Form, "es sich zu richten", und dass das ganz sicher nicht das optimale, gesellschaftlich verantwortliche etc. Verhalten ist.
Ja ich weiß, das klingt furchbar moralisch und streberhaft etc. [Rest gekürzt]

Nichtsdestotrotz ist es die Wahrheit.
Ich kann es nicht sagen, ich sage es nie,
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