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Ganztagsschule

Ganztagsschule, Neue Mittelschule, Audimaxismus und die Folgen

Moderation: Susanne Ofner

Re: Ganztagsschule

Beitragvon Kurt Radowisch » 15. Februar 2010, 20:06

Brigitte Grohmann hat geschrieben:Besonders gut fürs Selbstbewusstsein von kleinen Schwachen, die dann immer jede Woche als letzte gewählt werden.


Damit hatte es in meiner Erinnerung wenig zu tun.
Völkerball war der einzige Sport, von dem man sich nicht durch schlechte Leistung vorzeitig "schleichen" konnte.
Selbst, wenn man abgeschossen wurde, mußte man hinten als Freigeist stehen und weiter schießen. Es nutzte also nichts, sich so blöd hinzustellen, daß man gleich raus war!
Mit unserem Selbstbewußtsein hing das kaum zusammen. Egal, ob einer ein Alpha oder ein Omega war: die Zeit mußte irgendwie zugebracht werden.
Und die Lehrer konnten auch nicht aus ihrer Haut. Die dienten auch nur ihre Zeit ab. Völkerball bedeutete: Wenig Geräte herräumen, wenig Geräte wegräumen, also kann man nach der (Doppel)stunde möglichst schnell verschwinden.

LG Kurt
Kurt Radowisch
 

Re: Ganztagsschule

Beitragvon Kurt Radowisch » 15. Februar 2010, 20:24

Andreas Serloth hat geschrieben:Sportliche Aktivität erschöpft sich aber zunehmend in Gamecontrollerquetschen . . .
as


Heute

Genau das war damals gerade in den Anfängen. Da gab es so komische Spiele, wo man auf einem dunklen Bildschirm mit hellen Schlägern einen hellen Ball jagen mußte, das Ganze akustisch untermalt von "Pip - Pop - Pip - Pop".
Solche Spiele haben mich nie (oder wenn, dann nur kurz) interessiert, höchstens das Selbstprogrammieren eines solchen Spieles auf den damaligen Ur-Homecomputern (4 kB Hauptspeicher waren ja damals DIE WELT!)
Wichtig war aber vor allem die Freiheit, und die wurde überwiegend von der Schule eingeschränkt, und alles, was uns von der Schule wegbrachte, war willkommen, egal, was es war.

LG Kurt
Kurt Radowisch
 

Re: Ganztagsschule

Beitragvon Kurt Radowisch » 15. Februar 2010, 20:43

Andreas Serloth hat geschrieben:Du wirst aber kaum behaupten, dass du ein Durchschnittsbubi warst -- sondern wohl auch für die gute, alte Zeit ;-) überdurchschnittlich sportlich.
as


Wenn du das so sagst: Ich bin schon als 14jähriger 100 km in drei Stunden gefahren, im Team sogar zweieinhalb. (Neusiedlersee und zurück, inkl. Baden, war eine Sache von einem Nachmittag, wenn uns der Nachmittagsunterricht nicht dazwischen gekommen ist!)
Ich bin mit zwei Freunden in den Ferien sogar vier Wochen in Österreich herumgefahren, mit Zelt, Schlafsack, Konservendosen und Esbitkocher, und wie haben auf den Glockner nur eine Stunde länger gebraucht als Roman Hummenberger, aber der hatte ja auch keine Ausrüstung mitzuschleppen.
Aber genau diese Leistungen waren in der Schule nicht gefragt, ja sogar nicht erwünscht. (Es wurde nicht gerne gesehen, mit dem Rad zur Schule zu kommen, nicht wegen der sportlichen Leistung, sondern wegen "unangepaßten Benehmens vor und nach dem Umterricht"). Wir spielten "lieber" Völkerball.
Später nahm ich (privat, denn in der Schule war es aus Sittlichkeitsgründen verpönt) Tanzen und Billard dazu. Paßt nicht zusammen, aber Hauptsache Spaß machte es.

LG Kurt
Kurt Radowisch
 

Re: Ganztagsschule

Beitragvon Helmuth Korn » 16. Februar 2010, 11:15

Gerald Baeck hat geschrieben:Solange die Ganztagsschule ein Angebot unter vielen bleibt, gibt aus meiner Sicht nichts dagegen zu sagen. Ich würde allerdings nicht wollen, dass der Staat ganztätig die Erziehung unserer Kinder übernimmt. Dazu müsste sich zuerst einiges bei der Ausbildung unserer Lehrer ändern.

Wenn ich an meine eigene Schulzeit zurückdenke, wäre eine Ganztagsschule nur eine Ausdehnung der Zeit in der Hölle gemeinsam mit frustrierten Lehrern und pubertierenden Deppen (ok das war ich auch!-) gewesen. Deswegen wäre es besser eine sicher nötige flächendeckende Nachmittagsbetreuung anders zu organisieren, als innerhalb der Schule.


Ich möchte zu bedenken geben das Eltern heute im Gegensatz zu unserer Kindheit damals nicht mehr soviel Zeit haben ihre Kinder zu betreuen, viele Kinder also ohne Aufsicht sind. Und zum teil haben viele Eltern auch gar nicht die (soziale Kompetenz) ihren Kinder Nestwärme und Entwicklungschancen mit auf den Weg zu geben.
Helmuth Korn
 

Re: Ganztagsschule

Beitragvon Brigitte Grohmann » 16. Februar 2010, 21:57

Auch in unserer Kindheit hatten Eltern diese Zeit nicht. Du bist ja nicht in den Fünfzigern geboren :-)
Nur haben heute auch Großeltern andere Vorstellung von ihrer Pension als Dauerbabysitter zu spielen wie zB meine damals. Oder sie sind so jung, dass sie selber noch arbeiten.


brigitte
If some cunt can fuck something up, that cunt will pick the worst possible time to
fucking fuck it up because that cunt's a cunt.
- Tucker's Law
Bild
Brigitte Grohmann
 

Re: Ganztagsschule

Beitragvon Helmuth Korn » 17. Februar 2010, 14:13

Brigitte Grohmann hat geschrieben:Auch in unserer Kindheit hatten Eltern diese Zeit nicht. Du bist ja nicht in den Fünfzigern geboren :-)
Nur haben heute auch Großeltern andere Vorstellung von ihrer Pension als Dauerbabysitter zu spielen wie zB meine damals. Oder sie sind so jung, dass sie selber noch arbeiten.


brigitte


Meine Mutter war Hausfrau nach meinem Erscheinen.....
Helmuth Korn
 

Re: Ganztagsschule

Beitragvon Stefan Mackovik » 19. Februar 2010, 07:32

Helga Herzog hat geschrieben:Wieso geht's bei der Diskussion nicht auch darum,
wieso Eltern so wenig Zeit mit ihren eigenen Kindern verbringen?
Die meisten werden ja, sobald die Karenzzeit vorbei ist, umgehend zu Wochenend-Eltern.
Und um das fehlende Zusammensein irgendwie wieder wett zu machen muss dann am Wochenende ausflugstechnisch allerlei geboten werden; also wieder außer Haus.


Wow, mit diesem Absatz könnt man gleich eine vortreffliche gesamtgesellschaftliche Debatte lostreten.

Nämlich nicht nur über den Bildungsbereich, sondern gleich auch über die Frage, warum wir uns heutzutage hauptsächlich über unsere Arbeit bzw. genauer Erwerbstätigkeit definieren und durchschnittlich mindestens 40, eher 40 - 60 Stunden damit zubringen, Geld zu verdienen.

Warum arbeiten wir nicht ALLE (Männer wie Frauen) nur 20 - 30 Stunden und haben stattdessen viel mehr Zeit für andere Aktivitäten - oder für Kinder bzw. Familie, Partner etc. ?

Leider glaub ich, dass die Gesellschaft für DIESE Diskussion - im Zeitalter wo selbst Sozialdemokraten von einer Hochleistungsgesellschaft sprechen - noch lange nicht bereit ist.

Bis dahin wäre die Gesamtschule eine gute Zwischenlösung, wenn schon die Eltern keine Zeit für Ihre Kinder haben - ist jedenfalls besser, als sie hängen den ganzen Nachmittag vor TV oder Spielkonsolen, oder verwahrlosen.

Leider wird aber wieder mal nicht über ein GESAMTKONZEPT zur Schule diskutiert - eine Ganztagsschule dürfte nämlich nicht bloss "mehr vom selben" (der Halbtagsschule) sein, man müsste sie sinnvollerweise auch anders aufbauen.

Das Thema "Nachhilfe" und "Eltern helfen bei den Hausaufgaben" ist da ein gutes Beispiel: bereits zu meiner Zeit war es völlig normal, dass die Eltern beim Lernen bzw. dem Hausaufgaben helfen mussten (zumindest so lang das der Wissensstand der Eltern erlaubte), oder das sie teure Nachilfestunden bezahlen mussten.
Das ist aber eigentlich sowohl eine Bankrotterklärung der Lehrer(ausbildung) - sie können nicht so erklären, dass es auch alle verstehen - als auch eine Bankrotterklärung des Schulsystems, denn offenbar reichen die vorhanden Möglichkeiten nicht aus, um ALLEN eine gute schulbildung zu vermitteln.

Was ja auch kein Wunder ist, hat es sich doch seit den 60ern im Wesentlichen nicht verändert - und berücksichtigt deswegen veränderte Rahmenbedingungen - wie zum Beispiel die Tatsache, dass die Schule immer mehr Erziehungsaufgaben übernehmen muss, oder die, dass auch viele Kinder nicht deutscher Muttersprache in die Schule gehen - nicht.

Leider halten die Konservativen aus ideologischen Gründen an ihrem "Kontra Ganztagsschule" fest, obwohl viele Eltern sie längst fordern und außerdem am realen Lebensmodell eines Großteils der Bevölkerung vorbeigehen.
Alfons Haider hat recht.
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Stefan Mackovik
 

Re: Ganztagsschule

Beitragvon Stefan Mackovik » 19. Februar 2010, 07:37

Gerald Baeck hat geschrieben:Solange die Ganztagsschule ein Angebot unter vielen bleibt, gibt aus meiner Sicht nichts dagegen zu sagen. Ich würde allerdings nicht wollen, dass der Staat ganztätig die Erziehung unserer Kinder übernimmt. Dazu müsste sich zuerst einiges bei der Ausbildung unserer Lehrer ändern.

Wenn ich an meine eigene Schulzeit zurückdenke, wäre eine Ganztagsschule nur eine Ausdehnung der Zeit in der Hölle gemeinsam mit frustrierten Lehrern und pubertierenden Deppen (ok das war ich auch!-) gewesen. Deswegen wäre es besser eine sicher nötige flächendeckende Nachmittagsbetreuung anders zu organisieren, als innerhalb der Schule.


Ganz Deiner Meinung:

EInfach die Schulzeit auszudehnen, wäre der falsche Weg. Ohne neues Gesamtkonzept im Schulbereich macht eine Ganztagsschule keinen Sinn.

Stefan
Alfons Haider hat recht.
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Stefan Mackovik
 

Re: Ganztagsschule

Beitragvon Michael Suda » 19. Februar 2010, 10:14

Stefan Mackovik hat geschrieben:
Gerald Baeck hat geschrieben:Solange die Ganztagsschule ein Angebot unter vielen bleibt, gibt aus meiner Sicht nichts dagegen zu sagen. Ich würde allerdings nicht wollen, dass der Staat ganztätig die Erziehung unserer Kinder übernimmt. Dazu müsste sich zuerst einiges bei der Ausbildung unserer Lehrer ändern.

Wenn ich an meine eigene Schulzeit zurückdenke, wäre eine Ganztagsschule nur eine Ausdehnung der Zeit in der Hölle gemeinsam mit frustrierten Lehrern und pubertierenden Deppen (ok das war ich auch!-) gewesen. Deswegen wäre es besser eine sicher nötige flächendeckende Nachmittagsbetreuung anders zu organisieren, als innerhalb der Schule.


Ganz Deiner Meinung:

Einfach die Schulzeit auszudehnen, wäre der falsche Weg. Ohne neues Gesamtkonzept im Schulbereich macht eine Ganztagsschule keinen Sinn.

Dem schließe ich mich auch an.
Derzeit kommt es mir vor, als sollte es Hauptaufgabe der Schule sein, Kinder und Jugendliche zu perfekten Hamsterradbewohnern zu dressieren, vorzugsweise fließend zweisprachig (natürlich Englisch und Mandarinchinesisch, wer braucht denn noch Deutsch?) und in der Lage, jedes Handy und jede Tschi-tschi-Software ohne vorherige Einschulung aus dem Stand zu bedienen, ja am besten gleich auch umzuprogrammieren.
Selbst über den blanken ökonomischen Nutzen hinausgehende Dinge, wie politische Bildung oder Sexualaufklärung, werden allerdings, erst einmal den Händen der Schulbürokratie ausgeliefert, bloß zu zusätzlichem Vorschriftenballast in Lehrplanverordnungen, zu weiteren Papierstapeln, deren Inhalt halt irgendwie in den Unterricht gequetscht werden muss.
Und wie schwer der "Ballastabwurf" in der Schulbürokratie funktioniert, sieht man an der Hartnäckigkeit, mit der etwa die Lateinlehrer ihr - m.E. weitgehend obsoletes - "Fachimperium" verteidigen bzw. verteidigt haben. Ich habe z.B. nie kapiert, weshalb ich an einem neusprachlichen Gymnasium Latein lernen musste.
Stets heißt es, wenn über Lehrplanentrümpelung geredet wird: "Ja, aber eigentlich ist das doch auch sehr wichtig....das kann ma ned ganz weglassen!", und am Ende käme, stünden dem nicht einige physikalische Gesetze entgegen, so Pi mal Daumen ein 36 1/2 Stunden-Tag für AHSler heraus.
Man könnte auch sagen: die Schule ist zu wichtig, um sie den Lehrerinnen und Lehrern (und ihrer gewerkschaftlichen Beton-Standesvertretung) zu überlassen.
Ich kann es nicht sagen, ich sage es nie,
bleibt auch mein Himmel versperrt.
(aus Lehárs Operette "Das Land des Lächelns")
Bild
Michael Suda
 

Re: Ganztagsschule

Beitragvon Thomas Wagner » 21. Februar 2010, 21:12

Wie siehts denn jetzt aus? Jetzt ists so: Lehrer haben einen 40 Stunden Job, sind aber nur 20 in der Schule. (Bitte nicht um einzelne Stunden streiten).

Anstatt Freizeit werden Hausaufgaben aufgegeben, wo die Kinder zu Hause (unter elterlicher Aufsicht, wenn alles gut geht) weiterlernen müssen. Die Durchschnittseltern können vermutlich gradmal bis zu den ersten AHS Klasse, falls überhaupt, weiterhelfen, während die qualifizierten Lehrer zu Hause die Hausaufgaben kontrollieren.

Wäre es nicht WESENTLICH besser wenn das was gelehrt wird komplett in der Schule passieren würde, und es keine Hausaufgaben gäbe? Das wär in meinen Augen wesentlich sinnvoller, wenn qualifizierte Lehrer und nicht überforderte Eltern bei den Aufgaben helfen.

Ausserdem könnte dann die (freiwillige) Nachmittagsbetreuung in Schulgebäuden qualitativ auch ein Fortschritt sein! Turnsäle, freiwillige Kurse (EDV, Werken, etc) könnten den Schülern angeboten werden, anstatt dass die Kids zu Haus vorm Fernseher, der Playstation, oder im Gemeindebau-Hof herumlungern. Ich weiß wovon ich red, ich bin in einem Gemeindebau aufgewachsen... Für meine Eltern war es wichtig dass wir Kinder irgendeinen Sport betreiben, damit wir nicht im Hof mit den anderen herumlungern und uns in der Fadesse Schwachsinn einfällt. So eine Richtung könnte doch auch die Schule anbieten!

Also, ich bin ABSOLUT PRO Ganztagsschule, heutzutage sind Kinder oft mit 2 arbeitenden Elternteilen konfrontiert, und die Schule sollte sich meiner Meinung nach den geänderten gesellschaftlichen Bedingungen anpassen!
Für mich gilt die Unschuldsvermutung!
Bild
Thomas Wagner
 

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